Vom Sabbat zum Sonntag - Schlussfolgerungen

Aus dieser Analyse des Sabbatmaterials der Evangelien ergeben sich mehrere Schlussfolgerungen. Der ausführliche Bericht der Evangelienschreiber über die Konflikte zwischen Christus und den Pharisäern über die Art und Weise der Sabbatbeobachtung ist zunächst ein Hinweis auf die ernste Wertschätzung, die dem Sabbat sowohl in jüdischen Kreisen als auch im Urchristentum entgegengebracht wurde. Die ausführlichen Berichte über die Sabbatverkündigungen und Heilungstätigkeiten Christi setzen in der Tat voraus, dass die Urchristen in Debatten über die Einhaltung des Sabbats verwickelt waren. Wir fanden jedoch heraus, dass sie Jesu Einstellung zum Sabbat nicht als verschleierte Vorhersage eines neuen Tages der Anbetung verstanden, sondern vielmehr als eine neue Perspektive der Sabbathaltung. Diese bestand sowohl in einer neuen Bedeutung als auch in einer neuen Art der Einhaltung des Sabbats. Was Letzteres betrifft, so wurde der Sabbat nicht als eine Zeit des passiven Müßiggangs, sondern des aktiven, liebevollen Dienstes an bedürftigen Seelen angesehen (Markus 3,4; Matthäus 12,7.12; Johannes 9,4). Dieses neue Verständnis ist in einem so frühen Dokument wie dem Brief an Diognetus (datiert zwischen 130-200 n. Chr.) bezeugt. Die Juden werden hier beschuldigt, "falsch von Gott zu reden", wenn sie behaupten, dass "er [Gott] uns verboten hat, am Sabbat Gutes zu tun - ist das nicht pietätlos"? Wir fanden, dass dieser positive und grundlegende Wert des Sabbathaltens von Christus durch sein Programm der Sabbatreformen nachdrücklich etabliert wurde. Der Herr, so stellten wir fest, handelte am Sabbat bewusst gegen die vorherrschenden Beschränkungen, um den Tag von der Vielzahl rabbinischer Beschränkungen zu befreien und ihn dadurch zu seiner ursprünglichen göttlichen Absicht zurückzuführen, nämlich ein Tag des körperlichen und geistigen Wohlbefindens für die Menschheit zu sein. Wir haben jedoch festgestellt, dass Christus das Zeigen von Liebe durch Taten der Freundlichkeit am Sabbat nicht nur als die Erfüllung der humanitären Verpflichtungen des Gebotes darstellt, sondern in erster Linie als Ausdruck der Annahme und Erfahrung des göttlichen Segens der Erlösung durch den Gläubigen (Johannes 9,4; Matthäus 11,28). Diese Beziehung zwischen dem Sabbat und der Erlösung finden wir in den Evangelien auf verschiedene Weise herausgearbeitet: 


1. Gottes Sabbatruhe wird zum Beispiel von Christus nicht als eine Zeit des Müßiggangs dargestellt, sondern als sein "Wirken bis jetzt" (Johannes 5,17) für die Erlösung des Menschen.


2. Ebenso wird der legitime Gebrauch des Sabbats durch die Priester, um bedürftigen Sündern zu dienen (Matthäus 12,5; Johannes 7,23), von Christus als Hinweis auf die erlösende Funktion des Sabbats dargestellt.


3. Aber die höchste Offenbarung seiner erlösenden Bedeutung finden wir in den messianischen Ansprüchen und dem Sabbatdienst Christi.

a. Der Erlöser begann (Lukas 4,16) und beendete (Lukas 23,53-54) seinen Dienst nicht nur an einem Sabbat,

b. sondern er kündigte auch ausdrücklich seine messianische Mission als die Erfüllung der Verheißungen der Erlösung und Befreiung der Sabbatzeit an (Lukas 4,18-21).

c. Darüber hinaus intensivierte Christus am Sabbat seinen erlösenden Dienst (Johannes 5,17; 9,4; Markus 3,4), damit die Sünder, die "der Satan gebunden hatte" (Lukas 13,16), den Sabbat als den Tag ihrer Erlösung erleben und sich daran erinnern konnten.


Der Sabbat wurde also in der Lehre und im Dienst Christi nicht "in den Hintergrund gedrängt" oder "einfach aufgehoben", um Platz für einen neuen Tag der Anbetung zu schaffen, sondern er wurde vom Erlöser zum angemessenen Gedenken an seine Heilsruhe gemacht, die allen zur Verfügung steht, die im Glauben zu ihm kommen (Mt 11,28). Diese erlösende Bedeutung des Sabbats finden wir im vierten Kapitel des Hebräerbriefs veranschaulicht. Hier wird erklärt, dass die "Sabbatruhe", die "für das Volk Gottes bleibt" (4,9), nicht eine materielle Erfahrung ist, die ausschließlich dem jüdischen Volk vorbehalten ist (4,2.8), sondern vielmehr ein dauerhafter und geistlicher Segen, der allen zur Verfügung steht, die durch den Glauben in Gottes Ruhe eintreten (4,2.3.11). Indem der Gläubige am Sabbat von seiner Arbeit nach dem Vorbild Gottes ablässt (4,10), macht er sich verfügbar, um aus Gnade und nicht aus Werken den Vorgeschmack auf die Segnungen der endgültigen Erlösung zu empfangen, die durch Christus bereits zur Gewissheit geworden sind (4,7). Diese positive Auslegung des Sabbats deutet darauf hin, dass die Urkirche die messianischen Verkündigungen Jesu (Mk 2,28; Mt 12,6; Joh 5,17) und sein heilendes Wirken nicht als Ablösung des Sabbats durch einen neuen Tag der Anbetung verstand, sondern als die wahre Offenbarung der Bedeutung seiner Einhaltung: eine Zeit, in der man die durch Jesus Christus vollbrachte Erlösung Gottes erfahren kann.


FROM SABBATH TO SUNDAY

An Historical Investigation

of the Rise of Sunday Observance

in Early Christianity

SAMUELE BACCHIOCCHI

The Pontifical Gregorian University Press

Rome 1977

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